Mehr Toleranz für krumme Gurken

Mehr Toleranz für krumme Gurken

Gemüse- und Früchtehandel überprüft Qualitätsnormen und will so Lebensmittelverluste reduzieren

Zwischen Feld und Teller geht ein Drittel der Lebensmittel verloren. Der Handel will nun die Qualitätsnormen revidieren und mehr krumme Rüebli und Gurken in den Verkauf bringen.

Wer immer der EU absurde Bürokratie vorwerfen wollte, fand über Jahre in der Salatgurke sein bestes Beispiel. In der Verordnung 1677/88/EWG legten die Brüsseler Beamten fest, dass sich besagte Gurke auf 10 Zentimetern Länge um nicht mehr als 10 Millimeter krümmen dürfe, und sorgten damit weltweit für Schmunzeln.

Weniger bekannt ist, dass die gleiche Regel auch in der Schweiz galt und bis heute gilt. Sie steht zwar nicht in Gesetz oder Verordnung, aber in den sogenannten Handelsusanzen, in denen Bauern und Händler die Qualitätsnormen für Agrarprodukte festlegen. Gurken müssen demnach so gerade sein wie beschrieben, Spargeln in der Mitte mindestens einen Zentimeter breit, Äpfel wenigstens sechs Zentimeter dick, und der Aprikose werden Hautfehler nur auf einer Fläche von einem halben Quadratzentimeter verziehen.

Kartoffeln mit Silberschorf

Diese Normen tragen dazu bei, dass bei weitem nicht alle geernteten Früchte und Gemüse auch in den Verkauf kommen. Die UN-Ernährungsorganisation FAO schätzt, dass gut ein Drittel der Produktion auf dem Weg vom Feld bis zum Konsumenten verloren geht, davon fast 30 Prozent durch Schäden oder Aussortierung in der Landwirtschaft. Welchen Anteil die Handelsnormen daran tragen, kann niemand genau sagen, auch Claudio Beretta, der Präsident des Vereins Food Waste, nicht. Er ist aber in einer eigenen Studie zum Schluss gekommen, dass das Optimierungspotenzial in diesem Bereich noch gross ist. Beretta empfiehlt den Grossverteilern deshalb, die ästhetischen Nomen aufzuheben oder zumindest deutlich zu lockern. «Wenn man die Schwelle in allen Läden senkt, merken es die Kunden kaum und weichen auch nicht aus», argumentiert er.

Nun nimmt der Handel den Ball auf. «Wir wollen die Handelsusanzen überprüfen mit dem Ziel, Lebensmittelverluste zu senken», sagt Marc Wermelinger, Direktor im Verband des Früchte-, Gemüse- und Kartoffelhandels (Swisscofel). Bereits im Gang ist diese Arbeit bei den Kartoffeln, an denen der Grosshandel künftig auch einige Silberschorf-Flecken tolerieren will. Im Herbst sollen auch die Normen für Früchte und Gemüse überprüft werden. «Auch dort werden wir schauen, ob es möglich ist, gewisse Anforderungen zu lockern», sagt Wermelinger.

Darüber hinaus möchte Swisscofel die Koordination zwischen Produzenten und Händlern noch verbessern. An regelmässigen Telefonkonferenzen sollen sie sich über den Verlauf der Ernte austauschen, so dass bei Knappheit oder Überfluss rechtzeitig reagiert werden kann. Wisse ein Detailhändler früh genug, dass demnächst zum Beispiel viele Erdbeeren auf den Markt kämen, könne er mit Aktionen die Nachfrage ankurbeln und so Überreste vermeiden, sagt Wermelinger. Und fehle aufgrund einer schlechten Ernte plötzlich ein Produkt, wie letztes Jahr die Birnen, könne man die Qualitätsnormen frühzeitig senken.

Wählerische Konsumenten

Beim Bund wird die Initiative von Swisscofel begrüsst, zumal das Bundesamt für Landwirtschaft bei seinen Bemühungen zur Reduktion der Nahrungsmittelverluste das Thema Handelsnormen schon selber ins Gespräch gebracht hat. Die dazu eingesetzte Arbeitsgruppe schaut jedoch nicht nur den Handel an, sondern alle Stufen der Verwertungskette. So prüft sie unter anderem neue Regeln für die Haltbarkeitsangabe auf Lebensmitteln sowie eine Pflicht für grössere Restaurants, Abfälle wiederzuverwenden statt wegzuwerfen. Vor allem aber möchte der Bund die Konsumenten noch stärker für das Thema sensibilisieren. Denn bei ihnen fällt der grösste Teil der Verluste an, meist weil sie zu viel einkaufen, zu viel kochen oder im Restaurant zu viel bestellen.

Darauf verweist auch Swisscofel Chef Wermelinger und warnt daher vor zu hohen Erwartungen im Bereich der Handelsnormen. Letztlich kauften die Konsumenten heute allen Beteuerungen zum Trotz immer zuerst die frischen und schönen Produkte, davon könne sich überzeugen, wer abends die Reste anschaue. Zudem sei nicht einfach verloren, was es nicht bis in die Läden schaffe. Ausschussware werde je nach Produkt vermostet, verfüttert oder kompostiert und werfe so auch einen Nutzen ab. Zur Sache mit der Gurke schliesslich stellt Wermelinger klar: «Eine Salatgurke wächst natürlicherweise gerade. Krümmt sie sich, ist irgendwo beim Anbau ein Fehler passiert, der sie unter Stress gesetzt hat.»

Artikel von Daniel Friedli aus der «NZZ am Sonntag» vom 26.05.2013, Seite 19: